Foto: Patrick Flick / von links nach rechts: Sven Rimmelspacher (Pickert & Partner), Michael Holzhauser (Holzhauser & Partner), Christophe Knecht (INEVA)

 

Auf geht’s! Wie etablierte Unternehmen durch agiles Denken und Handeln neu durchstarten können

Es kann einem ein Licht aufgehen, mit der Firma kann es aufwärtsgehen oder man startet eine neue Entwicklung – auf geht’s!

Bei der Veranstaltung des CAFA-RSO waren alle drei Bedeutungsebenen gemeint. Der Titel stammt von dem gerade erschienenen Buch des deutschen Unternehmers Sven O. Rimmelspacher, Pickert & Partner, welcher darin beschreibt, wie er die verkrusteten Strukturen zweier Firmen, die er zusammenführen wollte, durch „agile Organisationsformen“ aufgebrochen hat. Er hielt darüber einen lebhaften Impuls-Vortrag, dem die etwa 80 Gäste des Abends sehr konzentriert zuhörten, die trotz vielfacher Straßensperrungen (wegen des Besuchs von Präsident Macron in Strasbourg) dem Ruf des CAFA zum Sitz der Bankengruppe CIC Est in Wacken zu gefolgt waren.

„Agilität“ bezeichnet dabei die Fähigkeit eines Unternehmens, auf ständig verändernde Kundenwünsche und Rahmenbedingungen flexibel zu reagieren. Dabei gibt es keine festen Hierarchien mehr, sondern Arbeitsgruppen bilden sich entweder von Fall zu Fall neu, oder es findet intern ein Rollenwechsel der Mitarbeiter statt, um die jeweiligen Kundenwünsche zu erfüllen. 

Rimmelspacher berichtete, dass es wichtig sei, nicht alles vorzudenken, sondern dass die Mitarbeiter selbst Dinge entwickeln. So bestand zum Beispiel eine der ersten Aufgabe der Mitarbeiter darin, ihre neuen Arbeitsverträge selbst zu formulieren. Es habe ihn dabei überrascht, dass diese Verträge „sehr viel strenger ausgefallen“ seien, als wenn er sie selbst geschrieben hätte. Rimmelspacher führt dies darauf zurück, daß die Übertragung von Verantwortung zu einem veränderten Selbstbewusstsein der Mitarbeiter führe. 

Damit diese ihrer neuen Verantwortung angstfrei gerecht werden könnten, sei es notwendig, klare Regeln, Richtlinien und Ziele gemeinsam im Team zu erarbeiten, die dann für alle gelten müssten. Dazu gehöre beispielsweise auch eine fehlertolerante Kultur, welche Fehler nicht verdamme, sondern als notwendige Schritte auf dem Weg zum Ziel ansehe, solange sie sich nicht wiederholten. 

Ein anderes Land, eine andere Arbeitskultur: man sollte meinen, ein solches Handlungsprinzip ließe sich nicht ohne weiteres auch in Frankreich umsetzen. Doch, weit gefehlt, berichtete der französische Unternehmer Christophe Knecht von seinem eigenen Transformationsprojekt. Seine Firma INEVA entstand nach dem Zusammenbruch eines größeren Konzerns, und hier verfolgte man von Anfang an das Ziel, eine agile Unternehmensstruktur aufzubauen. In seinem Vortrag wurde bald klar, dass sein Team dabei ganz ähnliche Erfahrungen gesammelt hat und zu vergleichbaren Lösungsansätzen gekommen ist. Wichtig ist ihm, dass in den Teams unterschiedlichste Alters- und Ausbildungsgruppen repräsentiert seien, weil so alle voneinander lernen könnten.

Beide Vortragende zeigten sich bei der anschließenden Diskussion mit Michael Holzhauser, Geschäftsführer von Holzhauser & Partner und Vorstandsmitglied des CAFA RSO, überrascht, wie viele Parallelen in den beiden Vorträgen offensichtlich wurden.

Beide Unternehmer sehen für sich die Rolle des Kapitäns einer Fußballmannschaft als Leitbild, wie Christophe Knecht dies bildhaft darstellte: „Man spielt in wechselnden Rollen mit und gibt dadurch die Dynamik vor“.

Allerdings gibt es auch Grenzen des agilen Handelns. Beide Unternehmer gaben auf Nachfrage zu, ein Veto-Recht zu besitzen, um in angespannter Situation Entscheidungen herbeiführen oder verhindern zu können. Von diesem Recht wurde jedoch bisher noch nicht Gebrauch gemacht. Und auch das liebe Geld ist vorerst kein Thema in den Arbeitsgruppen oder der Gesamtbelegschaft. Die individuellen Verhandlungen über die Höhe der Gehälter behalten sich die Chefs, die sich sonst in Frage stellen, dann doch lieber vor. Es gibt auch keine Einzel-Boni mehr. Am Jahresende wird ein gleicher Bonus abhängig von der Geschäftsentwicklung an alle Mitarbeiter ausgezahlt.

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